Rapport

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»Gäbe es nun einen morgigen Tag, trüge dieser Platz, so wünschte ich mir, wieder den Namen Rio Reisers oder hieße von mir aus auch Texas-Willy-Platz und drumherum hätte sich nicht viel verändert. Ganz Kreuzberg wäre immer noch das schmuddelige und verarmte Biotop, das einst die wohlhabenden Faulenzer dieser Welt wie die Fliegen angezogen hat, von denen zukünftig wieder nur die Faulsten blieben, für immer, um mit diesem Ort zu verwachsen. Auch die Tür der Kneipe Zum Goldenen Hahn, einer echten Perle in diesem Ballungsraum seelenloser Gastronomie, stünde weit offen, dort, wo die Oranienstraße zum zweiten Mal Richtung Mariannenplatz abknickt. Mit etwas Glück säße drinnen am Tresen ein bescheidener Mensch in abgerissener Uniform und mit den traurigen Augen eines Clowns, der seine Zuhörerschaft und – das ist so sicher wie das Amen in der Kirche – auch Euch mit seinen Anekdoten aus dem letzten, gerade überstandenen Krieg in den Bann zöge. All diese freundlich und ohne ein einziges böses Wort vorgetragenen Abenteuer würden von Menschlichkeit in der Finsternis handeln.«

So schreibt der Obergefreite Platon Bender in seiner an den Anfang gesetzten Übung zum Konjunktiv I+II über seinen “Vati” Emil Schweig, der an dem Tag, an dem der Krieg beginnt, wegen seiner unbedachten Worte im Goldenen Hahn verhaftet wird und leise feststellen muss: „Die Welt ist ganz schön durcheinander!“ Mein Roman entsteht in Anlehnung an Jaroslav Hašeks unvollendeten Roman “Die Abenteuer des guten Soldaten Schwejk im Weltkrieg” (1921-23), der mich vor vier Jahrzehnten gefunden hat und den ich jedes Mal neu entdecke. Halb so alt ist die Idee, mich einer modernen Version des Schwejk zu widmen, zuerst als Drehbuch, nun als Roman.

Auch der Held – besser: Antiheld – meiner Erzählung hat die Abenteuer des guten Soldaten Schwejk seit Kindheitstagen immer wieder verschlungen. Er hat Schwejk zu seinem literarischem Vater gemacht und von ihm gelernt, sich mit anarchischem Geist und mutmaßlicher Arglosigkeit aus jedem noch so tiefen Schlamassel zu ziehen. Nur dank Schwejk konnte aus einem verschlossenen, schüchternen Jungen dieser stets gut gelaunter Beobachter seiner Zeit, der begnadete und gesellige Erzähler mit großer Empathie für seine Mitmenschen werden.

Der zufrieden durch den Raum streifende Emil Schweig aus Ostberlin gleicht dabei keinesfalls dem Prager Josef Schwejk mit seiner einfachen Sprache, den Grete Meiser mit ihrer lange einzigen deutschen Übersetzung in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aus Hašeks Romanhelden gemacht und den Heinz Rühmann in einen fast schon bedauernswert gutmütig-beschränkten Kerl verwandelt hat. Der Schwejk des Originals spricht hochtschechisch und ist gebildet. Er weiß ganz genau, was er tut und sagt. Schweig ist seinem Namensvetter zweiten Grades ein ebenbürtiger Seelenverwandter.

Schweig ist seinem Namensvetter zweiten Grades in Vielem ebenbürtig. Wie auch Schwejk macht er sich unangreifbar und schützt sich selbst, wenn er stets einen Umweg nimmt, um die Obrigkeit zum Gespött zu machen. Denn in jener nahen Zukunft des Romans haben die Blauen die Macht an sich gerissen und regieren mit dem Knüppel in der Hand. Jede noch so winzige Subversion, jeder Witz und jede Anspielung kann wieder lebensgefährlich sein. Und sein Gefährte? Während den Menschen im Krieg ihre Menschlichkeit abhanden gekommen ist, erwächst der logisch denkende Bender zu einem mitfühlende, gerechten Wesen, genau wie sein väterlicher Freund Schweig.

Das Romanprojekt umfasst neben Prolog und Epilog die vier Bücher Götterdämmerung, Im Hinterland, An der Front, Anabasis. Das erste Buch ist grob zur Hälfte fertig, der gesamte Roman in einer umfangreichen Outline umrissen.

Ich schreibe gegen den Wahnsinn und gegen die Zeit, aber immer wieder holen mich die Weltereignisse beim täglichen Schreiben ein. Wenn zum Probealarm die heulenden Sirenen über Berlin die Lehren aus unserer Geschichte verleugnen, wenn die AfD durchmarschiert, wenn die richtige Gesinnung über unsere Zukunft entscheidet. Manch ungeneigte*r Leser*in wird mich sicher verspotten wollen, wie Jeremia, zersägen wie Jesaja oder das Messer zwischen die Rippen drücken, so wie es einst Klytaimnestra mit Kassandra tat. Dem setze ich mit bösem Humor meine Überlebensstrategie entgegen, die Anstiftung zum Lachen und zum klugen, augenzwinkernden Ungehorsam.

Berlin, den 35. Mai 2026

Fuks